Am Samstag konnte ich endlich den Can-Am Spyder Roadster bei der Firma Sacksteder in Saarlouis testen. Das Wetter war nicht sonderlich prickelnd, aber wenigstens regnete es nicht. Ausserdem war ich eigentlich eh viel zu aufgeregt, um mir Gedanken über das Wetter zu machen.
Vor der Probefahrt stand erst einmal ein etwas ungewöhnliches Prozedere auf dem Programm. Ich musste drei (!) Seiten Sicherheitshinweise studieren, und jede einzelne Seite durch meine Unterschrift als gelesen quittieren.
Dazu musste ich noch ein weiteres Formular ausfüllen, in dem so sinnige Sachen standen, wie “das Fahrzeug ist kein Motorrad”. Jede dieser Aussagen musste mit einem “OK” bestätigt werden. Mit dem Formular will BRP jede Form der Haftung ausschließen.
Ich unterschrieb auch dieses Formular und bekam danach eine Einweisung in die Eigenheiten des Spyders. Besonders auffällig sind der Rückwärtsgang, eine Feststellbremse und das Fehlen des Bremshebels am Lenker. Gebremst wird ausschließlich über das rechte Fußpedal.
Das war es dann auch schon mit der Einweisung. Es konnte mit der Probefahrt losgehen. Ich war vor allem gespannt auf das Fahrverhalten und die Ergonomie. Passt die Kiste für meine fast zwei Meter, oder wird es schnell unbequem?
Also Helm auf, Starterknopf gedrückt, und gefreut. Der 990er Rotax, der in ähnlicher Form auch in Aprilias zu finden ist bollert los. Nicht zu laut, schließlich gilt es Gesetze einzuhalten, der Spyder ist schließlich in ganz Europa zugelassen. Trotzdem, der Klang ist nicht schlecht.
Abgesehen vom Rückwärtsgang ist mir die Schaltung vom Moped vertraut. Der erste Gang ist unten, die Gänge 2 bis 5 werden hochgeschaltet. Ja, es sind nur fünf Gänge. Der sechste Gang wurde dem Rückwärtsgang geopfert. Dieser liegt übrigens unter dem ersten Gang. Um ihn zu erreichen muss beim Steppen auf den Schalthebel ein kleiner Hebel am Lenker gezogen werden. Im Rückwärtsgang wird übrigens automatisch die Warnblinkanlage aktiviert. Sicher keine schlechte Idee, rechnet doch wohl kaum einer damit, dass der Spyder auch rückwärts fahren kann.
Ich will aber nicht rückwärts fahren, sondern vorwärts. Ersten Gang eingesteppt, beherzt am Kabel gezogen und die Kupplung kommen lassen. Das Ding schießt gewaltig nach vorn. Gewaltiger, als ich erwartet hatte. Der Spyder hat mächtig Dampf. Kein Wunder bei 106 PS. Ich beschließe besser erst einmal langsam zu machen, und auch das Anfahren noch einmal zu probieren. Doch zuvor muss ich bremsen.
Noch ehe meine rechte Hand nach dem Bremshebel sucht, schießt mir durch den Kopf: “Kein Hebel, nur Pedal”. Ich latschte auf das Pedal und der Spyder stoppt. Das klappt schon mal, und erstaunlicherweise gewöhne ich mich schnell daran, den Spyder nur per Pedal zu verzögern.
Das zweite Anfahren mit weniger Gas gelingt geschmeidiger. Beim dritten Versuch stelle ich fest, dass die Leerlaufdrehzahl so hoch ist, dass der Spyder auf ebener Strecke sogar ganz ohne zusätzlich Gas zu geben anfährt. Einfach langsam die Kupplung kommen lassen, und los geht’s.
Genug Anfahren. Ich biege rechts ab. Einlenken, wie beim Auto oder Quad. Die Lenkung reagiert willig und sofort. Ich spüre die Servounterstützung deutlich. Ich steppe mich bis in den dritten Gang. Das Getriebe lässt sich gut schalten, und der Spyder zieht gut durch. Einige hundert Meter weiter ist ein Kreisverkehr.
Auweia. Wie ein Anfänger in der ersten Fahrstunde hopple ich durch den Kreisverkehr. Der Spyder bockt unwillig und ich finde keine saubere Linie. Also gleich noch eine Runde durch den Kreisverkehr und noch eine. Es klappt immer besser. Mir fällt auf, dass bei vollem Lenkeinschlag lange Arme von Vorteil sind.
Als ich den Kreisverkehr einigermassen zügig beherrsche habe ich auch genug von dieser langsamen Fahrübung und mache mich auf die Landstraßen in der Umgebung von Saarlouis Fraulautern. Ich fasse immer mehr Vertrauen in den Spyder. Das Ding geht ab, wie Schmitz Katze und ich spüre das Dauergrinsen im Gesicht.
Das Handling des Spyders ist keine Geheimwissenschaft. Wenn man sich daran erinnert, nicht auf einem Motorrad zu sitzen, geht die Bedienung des Spyders leicht von der Hand. Sicher dürften Quad- und ATV-Fahrer einen Vorteil haben. Dennoch, auch wer vom Motorrad auf den Spyder umsteigt, oder gar keine Erfahrungen in dieser Richtung hat, dürfte mit dem Spyder schnell glücklich werden. Alles eine Frage der Fahrpraxis.
Ich düse eine Weile durch die Gegend und erfreue mich am sauber schaltenden Getriebe, welches lediglich das Einlegen des ersten Gangs mit einem lauten Plonk quittiert.
Jetzt aber mal den Rückwärtsgang probieren. Wie war das? Anhalten, Hebel am Lenker ziehen und vom ersten Gang aus runterschalten. Klappt vorzüglich. Der Spyder fährt rückwärts.
Vorwärts macht es aber deutlich mehr Spaß. Dank der geschwindigkeitsabhängigen Servolenkung lässt sich der Spyder auch bei niedrigen Geschwindigkeiten leicht und locker dirigieren. Bei höheren Geschwindigkeiten nimmt sich das System zurück.
Schlechte Nachrichten für die Drift-Fraktion: Dank diverser Sicherheitssystem geht auf dem Spyder nichts in dieser Richtung. Das System greift sofort ein, und bremst den Piloten ein, wenn er es zu ungestüm angeht. Immerhin ist auch ein ABS mit an Bord.
Es ist saukalt und ich bin bei langsamer Fahrt (Stadtverkehr) froh darüber, dass mir beim Spyder fahren nicht nur warm ums Herz, sondern auch ums rechte Bein wird. Das kriegt nämlich die Abluft des Kühlsystems ab. Bei höheren Geschwindigkeiten fällt das nicht weiter auf. Wie es im Sommer ist, muss sich noch zeigen.
Meine größte Sorge, eine nicht passende Ergonomie, hat sich zum größten Teil zerstreut. Ich komme gut mit den Gegebenheiten zurecht, wenn auch eine modifizierte Rastenanlage in Kombination mit einem anderen Lenker für meine Bedürfnisse besser passen würden. Es geht aber auch ohne, und das sogar recht gut.
Ich bin jetzt jedenfalls mit dem Spyder-Virus infiziert, und werde mir definitiv einen bestellen. Mit ein wenig Glück wird er dann im Mai ausgeliefert. Schade eigentlich, denn ich hätte den Spyder auch direkt mitgenommen.
